Risikomanagement in Unternehmen in Zeiten der Corona-Krise

Risikomanagement in Unternehmen in Zeiten der Corona-Krise
Büroalltag in Zeiten der Corona-Krise (Bild: pixabay)
  • Der Tag, an dem ich diesen Text schreibe, ist der 15.März 2020. Deutschland liegt aktuell auf Platz 6 der weltweit am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder. Das öffentliche Leben in Deutschland ist weitgehenden Einschränkungen unterworfen. Die deutsche Wirtschaft leidet enorm, auch unserer Agentur sind bereits Aufträge storniert worden. Aber wir sind noch gesund, das ist das Wichtigste. Ich möchte diesen glücklichen Umstand nutzen, ein paar persönliche Beobachtungen und Gedanken zum Umgang von Unternehmen mit der Krise aufzuschreiben in der Hoffnung, dass der eine oder andere auch für Sie nützlich ist.

Mir passiert das nicht, nur den anderen

Kennen Sie das „It won’t happen to me“-Syndrom? So nennen Psycholog*innen den (auch unrealistischen Optimismus genannten) unerschütterlichen Glauben der meisten Menschen, dass ein schlimmes Ereignis immer nur andere trifft. Das ist einerseits eine gute Eigenschaft, denn sie lässt uns Risiken eingehen und das ist notwendig zum Fortkommen im Leben. Ohne diese Eigenschaft hätten unsere Vorfahren aus Angst vor dem Säbelzahntiger niemals ihre Höhle verlassen, um ein Mammut zu erlegen und damit Nahrung zu beschaffen. Andererseits lässt uns diese Eigenschaft oft blind werden für Gefahren. Wir gehen daher oft größere Risiken ein als nötig und wir sorgen in scheinbar sicheren Zeiten nicht gut für schlechte Zeiten vor. Wir vernachlässigen unser Risikomanagement. In Zeiten einer Krise fällt uns das dann schmerzhaft auf die Füße. Aktuell haben wir vielleicht die größte Krise, die dieses Land seit Ende des zweiten Weltkriegs gesehen hat.
Im Gesundheitswesen treten die Folgen des „wird schon nicht so schlimm werden bei uns“ gerade besonders deutlich zu Tage. Pflegenotstand und Personalmangel werden seit Jahren beständig beklagt, aber erst jetzt wird klar, dass schlicht keine ausreichenden Pufferkapazitäten vorhanden sind, um mit einer solchen Krise umzugehen.

Neuland Digitalisierung

Ich arbeite, neben der Arbeit in unserer Agentur, als Professor am Fachbereich Informatik und Wirtschaftsinformatik an der Provadis School of International Management and Technology in Frankfurt. Dort wird ab kommender Woche der komplette Lehrbetrieb auf Lernen mit Online-Plattformen umgestellt. Kolleg*innen, die sich damit noch nicht auskennen, werden kurzfristig auf die Nutzung von Online-Tools geschult.  Lehrende und Studierende werden sich dann auf unbestimmte Zeit nur noch auf digitalem Weg begegnen. Das ist sicher eine Umstellung, aber es ist trotzdem machbar. Vor allem, da Online-Unterricht und das Nutzen digitaler Möglichkeiten auch in normalen Zeiten schon zum Portfolio der Hochschule gehört.

Wie sieht es an anderen Lehranstalten aus? An vorderster Front stehen hier die Schulen, die ab morgen fast überall geschlossen sind. Dort fällt der Unterricht in den allermeisten Fällen aus. Alternative Unterrichtsformen gibt es selten. Weil die Schulen nicht ausreichend digitalisiert sind. Weil die meisten Lehrerinnen und Lehrer, selbst wenn technische Möglichkeiten vorhanden wären, im Umgang mit diesen nicht geschult sind. Zwei persönliche Bekannte von mir sind Lehrerinnen, die eine in Hessen, die andere in Rheinland-Pfalz. Beide berichten übereinstimmend, dass Ihnen nicht einmal der Umgang mit Software wie Powerpoint vertraut ist, geschweige denn der mit Tools für Online-Lernen. Solche Möglichkeiten böten ihre Schulen nicht.
Im Jahr 2013 hat Kanzlerin Angela Merken den Umgang mit der Digitaliserung und dem Internet als „Neuland für uns alle“ bezeichnet. Damals wurde Sie dafür verlacht. Heute sehen wir an vielen Stellen, wie recht Sie damit hatte und noch immer hat. Lebenslanges Lernen? Für viele nicht mehr als ein populäres Buzzword.

Natürlich will ich hier niemanden an den Pranger stellen, schon gar nicht meine Bekannten. Ihre Situation ist nur Resultat der Verhältnisse, die ihren Berufsalltag prägen. Ich möchte diese Beispiele anführen, um auf ein generellen Problem hinzuweisen: Es liegen Welten zwischen dem Vorbereitungsstand auf und dem Umgang mit einer Krise bei verschiedenen Organisationen und natürlich auch Menschen. Diese Unterschiede gilt es jetzt im Krisenmanagement zu berücksichtigen und wenn möglich auszugleichen. Mitten in einer Krisensituation sicherlich nicht die leichteste Aufgabe.

Umdenken in der Unternehmenskultur kann Produktivität steigern – auch außerhalb von Krisen

Auch die Kultur, die in einer Organisation herrscht, hat einen großen Einfluss darauf, wie gut oder schlecht man in einer Krise klarkommt. In Unternehmen, die eher trationell und hierarchisch organisiert sind, herrscht sehr oft noch eine strikte Anwesenheitskultur. Nicht, weil es Erfahrungswerte gäbe, dass dies eindeutige Vorteile hätte, sondern aus Prinzip. Weil es schon immer so war. Weil man seitens der Unternehmensführung einen Lawineneffekt befürchtet, wenn man einzelnen Mitarbeiter*innen Home Office gewährt. Weil misstrauische Vorgesetzte glauben, Mitarbeitende würden sofort die Arbeit einstellen, wenn sie als Chef nicht jederzeit unangekündigt im Büro stehen können. 

Aber auch deshalb, weil Mitarbeiter*innen gar nicht von zuhause aus arbeiten möchten, weil ihnen sonst der persönliche Austausch mit Kolleg*innen in der Kaffeeküche und die vom netten Chef mitgebrachten Croissants fehlen würden. All diese Argumente habe ich in meinem Berufsleben schon gehört oder am eigenen Leib erfahren. In Zeiten von Corona sehen sich solche Unternehmen nun in einer Situation, dass sie ihre Mitarbeitenden aus Gründen des Gesundheitsschutzes plötzlich in die Heimarbeit schicken müssen.

Unternehmen, die schon die technische Infrastruktur besitzen, um Heimarbeit überhaupt zu ermöglichen und sogar die Sicherheit dieser Infrastruktur gewährleisten können, fällt die Umstellung jetzt viel leichter. Auch wer Prozesse im Unternehmen hat, die nicht davon ausgehen, dass jeder vor Ort ist, kommt besser klar. Menschen, die Möglichkeiten anderer Arbeitsformen bereits kennen und es gewohnt sind, selbstverantwortlich und selbstorganisert zu handeln, stellen sich auch schneller auf eine Krisensituation ein.

Die Gefahr, dass die Produktivität zusammenbricht, ist damit insgesamt wesentlich geringer.

Kein Allheilmittel, aber trotzdem sinnvoll

Mir ist schon klar, dass Digitalisierung und Home Office keine Allheilmittel in einer Krise wie der Corona-Pandemie sind. In der produzierenden Industrie oder im Logistikgewerbe, beispielsweise, lassen sich viele Arbeitsplätze nicht mal so eben in einen Heimarbeitsplatz verwandeln. Jedenfalls nicht alle. Aber ist das ein Grund, nicht einmal darüber nachzudenken, was im Falle eines Falles den Laden am Laufen halten könnte? Und darüber, ob das nicht sogar in guten Zeiten Vorteile bringen könnte, von besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf über produktiver arbeitende Angestellte bis hin zur Reduktion von Reisekosten? Und nur, weil eine Lösung nicht für alle funktioniert, so kann sie doch für viele Vorteile bringen. So gesehen zahlt sich gutes Risikomanagement sogar dann aus, wenn das Risiko tatsächlich gar nicht eintritt. Denn Sie trifft es ja ganz sicher nicht 😉

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Treten Sie mit uns in den Austausch, ich freue mich drauf!

Und das Wichtigste: beiben Sie gesund!



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